Heft 2 - Editorial

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

 

die vor Ihnen liegende neue Ausgabe des „Bibliotheksforum Bayern“ spiegelt wiederum in überzeugender Weise den Facettenreichtum des bayerischen öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliothekswesens wider. Nur streiflichtartig kann hier auf einige Highlights hingewiesen werden:

 

2019 zeigte das „Haus der Kunst“ in München die große Retrospektive von Miriam Cahn, der streitbaren schweizerischen Künstlerin. Die Bayerische Staatsbibliothek erwarb zwei der dort gezeigten musealen Artists’ Books, die nun die Künstlerbuchsammlung bereichern. Lilian Landes setzt sich in ihrem Beitrag „Schön? Darum geht’s nicht.“ mit einem auf Schönheit fixierten und damit reduzierten Kunstbegriff auseinander und beschreibt die Herausforderung, die das Künstlerbuch „Lesen im Staub“ für die Bayerische Staatsbibliothek als eine Bewahrerin schriftlichen Kulturerbes bedeutet: Denn Cahn hat die Kreide nicht auf den Buchseiten fixiert – jedes Umblättern verändert das Buch, dabei eine fluide Symbiose von Objekt und Betrachter/Gestalter erzeugend …

 

Unter dem Titel „Match or Mismatch: Was trennt ÖBs und WBs und was eint sie?“ bieten Sheena Ulsamer und Jens Renner einen Nachschlag vom Bayerischen Bibliothekstag in Ingolstadt im September 2023 – und treffen damit in idealer Weise das stetige Kernthema unseres „Bibliotheksforums Bayern“: Das gemeinsame Wirken in nicht deckungsgleichen gesellschaftlichen Räumen thematisierend, erarbeiten sie den Befund, dass öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken zu deutlich mehr Anteilen im gleichen Orbit der großen Themen wie Open Science und Digitalstrategie unterwegs sind, ohne dabei gleichzeitig unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen wie etwa in Fragen der Lizenzierung zu negieren.

 

Wer in der heutigen, medial übersättigten Wirklichkeit Aufmerksamkeit erzeugen will, muss sich etwas einfallen lassen. So die Strategie der „Behind these walls“-Kampagne der Bayerischen Staatsbibliothek, die für das gesamte Jahr 2023 angelegt war und in der Werke aus dem gesammelten Kultur- und Wissensschatz der BSB ‚zum Anschauen nach draußen‘ gebracht wurden. Irina Mittag beschreibt in ihrem Beitrag, wie durch die „Transformation“ eines Sammlungsobjektes in einen äußeren, sinnlich erlebbaren Raum Überraschung erzeugt und vielleicht Lust auf „Innen-Ansichten“ geweckt wird.

 

Systeme, die sich selbst reflektieren, bringen die Kraft auf, derer zu gedenken, die sie auf neue Pfade geführt haben. So würdigt Cornelia Jahn den im Jahre 2023 verstorbenen langjährigen Leiter der Abteilung Karten und Bilder der Bayerischen Staatsbibliothek, Herrn Dr. Reinhard Horn, dessen erklärtes und erreichtes Ziel immer darin bestanden hat, das Bildarchiv der BSB in eine Reihe mit den großen namhaften öffentlichen Bildarchiven zu bringen. Und wenn wir lesen, dass es die effektive Arbeitsweise, seine große Hilfsbereitschaft und die präzise Sprache waren, die die Dinge immer auf den Punkt brachte – dann sollten wir uns dieser Tugenden des bibliothekarischen Berufsstandes in unserem eigenen Wirken stets bewusst sein.

 

In diesem Sinne Ihnen eine bereichernde Lektüre wünschend,

 

verbleibt Ihr Steffen Wawra

 

Leiter der Universitätsbibliothek Passau